Seit Ende Juli steigt die Zahl der Igel in unserer Wildtierstation stetig an. Ab dem Herbst kommen täglich bis zu 40 neue Tiere dazu. Wie hilft man ihnen am besten?

Am Ende der diesjährigen Igelsaison im März 2024 könnten bis zu 2.000 hilfsbedürftige Stachelritter durch die Hände unserer WildtierpflegerInnen gegangen sein. Die Zahlen steigen immer weiter an, eine direkte Folge der veränderten Umweltbedingungen: Flächenversiegelung, Biotopverlust, Nahrungsmangel und der massive Einsatz von Pestiziden machen den Igeln schwer zu schaffen.

Seit 2017 steht er auch in Bayern auf der Vorwarnliste, die Teil der Roten Liste für gefährdete Arten ist. Der Igel-Bestand ist rückläufig, und das wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch so weitergehen, bis er in Bayern ausgestorben ist. Kaum vorstellbar? Tierpflegerin Anka ist sich sehr sicher, dass es so kommen wird: "Die Folgen des Klimawandels sehen wir hier in der Wildtierstation täglich. Und die Veränderungen sind nicht positiv."

Dem Igel fehlt es an vielem: Sein Lebensraum wird immer weiter versiegelt, Naturgärten in Steinwüsten verwandelt und seine Nahrungsgrundlage vernichtet. Laut der Krefelder Studie aus dem Jahr 2017 ist über einen Zeitraum von 30 Jahren die Biomasse der Fluginsekten um rund 75 Prozent zurückgegangen. Haupttreiber des Insektenschwunds sind insbesondere die intensive Landwirtschaft, die Klimakrise, die Verstädterung und Flächenversiegelung sowie der hohe Einsatz von Pestiziden. Igel sind vor allem Insektenfresser.

Da sie passende Beute wie Laufkäfer, Ohrwürmer und Asseln immer seltener finden, weichen sie vermehrt auf Schnecken und Würmer aus, was zu einem radikal erhöhten Parasitenbefall führt. Die Tiere werden krank und schaffen es nicht mehr, sich die nötigen Fettreserven für den Winter anzufressen. Da die Temperaturen auch in der kalten Jahreszeit stark schwanken, wachen die Igel teilweise zu früh auf und finden dann keine Nahrung. So brauchen immer mehr Individuen Unterstützung, junge wie alte.

Intensivstation

In der Wildtierstation verursacht die Igel-Intensivstation die meiste Arbeit. Hier sind die Babys bis 250 Gramm untergebracht. Jedes sitzt in seiner eigenen Box, die mit alten Zeitungen und einem Handtuch ausgelegt ist. Aus einem weiteren Handtuch wird ein Häuschen geformt, in das sich das Baby einkuscheln kann. Einmal am Tag wird sauber gemacht und Nahrung gereicht. Aus Katzenfutter und Wasser erstellen die PflegerInnen einen Brei, den die Igelkinder selbständig fressen können. Für die älteren gibt es zusätzlich Trockenfutter und Wasser. Jedes Tier wird vor dem Füttern untersucht und gewogen. Die Daten werden akribisch in eine Liste eingetragen. Jeder Igel hat sein eigenes Pflegeprotokoll, auf dem alle wichtigen Infos vermerkt sind. Wer abgenommen hat, erhält zusätzlich eine Infusion. Läuft alles nach Plan, legen die Igel schnell an Gewicht zu und können ab etwa 300 Gramm Gesamtgewicht von der Intensivstation in den Warmstall umziehen. Das klappt allerdings nur, wenn sie gesund sind und keine weiteren Probleme auftauchen.

Warmstall

Im Warmstall erhält jeder Igel ein Häuschen mit vielen Zeitungsschnipseln, in das er sich verkriechen kann. Die Tiere werden hier weiter beobachtet und gefüttert und sollten stetig an Gewicht zulegen. In dieser Abteilung werden die PflegerInnen viel von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen unterstützt. Ute Diermeier ist eine von ihnen: "Es macht Spaß, und man hat ein Erfolgserlebnis, wenn die Igel gesund werden und danach ausgewildert. Ein optimaler Job, wenn man eine sinnvolle Aufgabe sucht. Man sollte allerdings regelmäßig Zeit haben, um ein Gefühl für die Tiere zu bekommen."

Kaltstall

Nach dem Warmstall geht es mit ca. 400 Gramm Körpergewicht ab in den Kaltstall. In dem unbeheizten Raum schlafen die Igel und sollen möglichst wenig gestört werden. Alle nötigen Arbeiten werden hier nur noch ganz leise durchgeführt. Wenn sie gesund sind und sich ein passender Platz gefunden hat, können sie später ausgewildert werden.

Krankenstation

Separat untergebracht sind die schwer kranken Tiere, die besonderer Fürsorge bedürfen. Hier landen etwa Igel mit schlimmen Schnittwunden, oft von Mährobotern verursacht, Unfallopfer von den Straßen oder Exemplare mit starkem Parasitenbefall. Bei vielen Tieren kommt leider jede Hilfe zu spät, die Verletzungen sind oft zu gravierend und die Stachler schon zu schwach. Insgesamt sind die Kleinsäuger aber erstaunlich robust und erholen sich gut, wenn rechtzeitig Hilfe geleistet wird.

Wann ist Hilfe nötig?

Woran erkennt man nun, ob ein Igel hilfsbedürftig ist? Etwa ab dem 25. Lebenstag begeben sich junge Igel ohne den Schutz der Mutter allein auf Futtersuche. Das wird vielen zum Verhängnis, denn die kleinen Stacheltiere werden häufig für hilflos gehalten, obwohl sie es gar nicht sind. Ohne Not werden die Tiere in Schachteln mit Laub gesperrt und mit Katzenfutter versorgt. Auf der anderen Seite werden im Sommer verletzte oder kranke Igel, weil sie ja mit ihrem Körpergewicht über den berühmt-berüchtigten 500 g liegen, nicht beachtet und versterben elendig.


Über das Gewicht, das ein Igel haben sollte, um über den Winter zu kommen, kursieren die unterschiedlichsten Zahlen und Faustregeln. Man kann dazu aber keine pauschale Aussage treffen, denn auch die Witterung spielt eine Rolle: Gibt es im Oktober und November noch sehr viele schöne und milde Tage, so hat der Igel Zeit genug, sich sein Wintergewicht anzufuttern. Im Zweifel bitte immer bei der Wildtierstation anrufen und sich beraten lassen. Die fixen Gewichtsangaben, an denen man sich in der Vergangenheit viele Jahre lang orientieren konnte, sind in Zeiten des Klimawandels nicht mehr aussagekräftig genug.

Erwachsene Männchen gehen je nach Witterung ab Mitte Oktober in den Winterschlaf, die Weibchen rund einen Monat später, da sie sich noch um den Nachwuchs kümmern müssen. Igelbabys folgen, sobald sie genügend Gewicht zugelegt haben.

Igel paaren sich etwa von April bis September und gebären nach circa 30 bis 35 Tagen meist vier Igelbabys, die zwischen Juni und Oktober auf die Welt kommen. Ihr Geburtsgewicht beträgt zwischen 12 und 25 Gramm. Dieses Anfangsgewicht müssen die jungen Igel bis zum Beginn des Winterschlafs auf etwa 500 bis 700 g erhöhen. Schon nach sechs Wochen sind junge Igel selbständig und verlassen endgültig die Igelmutter.

Laut Gesetz dürfen Igel nur dann der Natur entnommen werden, wenn sie verwaist, verletzt, krank oder aus einem sonstigen Grund hilfsbedürftig sind. Nur unter diesen Umständen dürfen sie gefüttert bzw. gepflegt werden.

 Merkmale eines kranken Igels:

 - Walzenförmige Form

- Auffällige Nackenfalte

- Die Augen liegen tief in den Höhlen, werden oft nur schlitzförmig geöffnet

- Trockene Nase

- Kühle Körpertemperatur

- Langsamer, wackeliger Gang. Sie liegen und stehen nicht auf

- Kranke Igel rollen sich kaum ein und schnell wieder aus, wirken zahm

- Die Stacheln liegen an und werden kaum aufgestellt.

- Weicher, manchmal grünlich-schleimiger oder blutiger Kot

 
Der gesunde Igel ist ein Wildtier, er gehört nicht in Menschenhand und ist auch im Winter draußen am besten aufgehoben.

Rufen Sie bei Fragen gerne unsere Wildtierstation an unter 089 921 000-76 (von 8 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr).

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