Unsere menschliche Beziehung zu Tieren ist seit jeher eine sehr Komplexe und Widersprüchliche. So lieben und schützen wir einerseits sogenannte „Haustiere“ und reduzieren wiederum andere Tierarten auf ihren Nutzen für uns Menschen.

So widersprüchlich, wie sie zunächst klingen, sind die beiden Herangehensweisen aber gar nicht, denn auch die Haustierhaltung dient am Ende einem Zweck für uns, nämlich dem der emotionalen Befriedigung. Laut führenden VerhaltensbiologInnen sind Menschen von Grund auf so angelegt, eine Bindung mit anderen Wesen einzugehen. Haustiere helfen, unser Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit zu decken. Auch unsere Vorliebe für das Niedliche spielt dabei eine Rolle.

Mit ihrem süßen Aussehen adressieren Tierkinder und dementsprechend gezüchtete Rassen an das tief im Menschen verankerte Kindchenschema: Attribute wie ein großer runder Kopf mit vorspringender Stirn, große Kulleraugen und ein kleiner, rundlicher Körper aktivieren unser Fürsorgeverhalten. „Wie süüüß!“ kann als Überschrift über den Milliarden Katzenvideos im Internet stehen, die Stubentiger als Helden der Niedlichkeit inszenieren. Auch im Marketing und der Medienwelt steht fest: Kinder und Tiere „ziehen“ immer! Sogenannter „Cat Content“ z.B. ist (nach Pornos) der am zweithäufigsten geklickte Web-Inhalt.

Die komplette Domestizierung von Wildtieren war im Grunde nichts Anderes war als eine gezielte Zucht nach menschlichen Wünschen, also die Verpaarung von Tieren mit bestimmten Eigenschaften, um diese im Fortlauf der Generationen zu verstärken. Besonders gilt dies noch immer für die Haustierzucht. 34 Millionen Haustiere leben in Deutschland – so viele wie nie zuvor. Vor zehn Jahren waren es erst 23 Millionen.

Bei der Zucht wird leider viel Schindluder getrieben. Heimtiere werden immer häufiger Modetrends unterworfen und ihr Aussehen den Wünschen der Menschen entsprechend gezüchtet. Zum Extrem getrieben kann das zu starken Gesundheitsproblemen führen und zur Tierquälerei werden: zu „Qualzucht“! Vieler dieser extremen Rassen können kein problemloses Leben mehr führen, einige leiden unter den Besonderheiten ihres Körperbaus.

Fazit: Tierschutzgesetz zu lasch!

Eigentlich sind extreme Züchtungen nach dem deutschen Tierschutzgesetz verboten, wenn dadurch bei den Tieren erblich bedingt Körperteile oder Organe fehlen, untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten. Aber die Formulierung im Tierschutzgesetz ist zu schwammig und die Behörden haben Schwierigkeiten, die Qualzuchten rechtlich zu verfolgen.

Es gibt zwar ein Qualzucht-Gutachten des damaligen Bundesminsteriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten von 1999, an dem unser Dachverband, der Deutsche Tierschutzbund von Anfang an mitgearbeitet hat. Dieses Gutachten soll den Behörden helfen, Qualzuchten zu erkennen und dagegen vorzugehen. Doch die Veterinärämter und Juristen waren bei diesem Thema häufig überfordert. Das Problem wird auch dadurch gefördert, dass die Rassestandards größtenteils immer noch so konzipiert sind, dass die Zuchtziele mit einer Qualzüchtung verbunden sind.

Wir fordern: Verbindliche Regeln!

Vor dem Hintergrund dieser Probleme fordern wir eine rechtlich verbindliche Verordnung, die klar definiert, was als Qualzucht gilt. Nicht nur die Zucht und der Verkauf von Qualzuchten sollte verboten werden, sondern auch die Einfuhr dieser nach Deutschland.

Die Kontrollbehörden müssen härter durchgreifen und auch die Justiz ist gefordert, die vorhandenen gesetzlichen Grundlagen stärker auszuschöpfen. Das Tierschutzgesetz ist zu allgemein gefasst und erschwert dadurch konkrete Verbote. Im Moment können Ämter und Gerichte immer nur Einzelfallentscheidungen treffen, nicht aber bestimmte Zuchtlinien generell ausschließen.

Beispiele von Qualzucht:

Kurzköpfige Hunde

Große Kulleraugen, flache Nase, runder Kopf und kurze, tapsige Beine machen Mops, französische und englische Bulldogge immer noch zu beliebten Werbegesichtern. Ihre ständige Präsenz in den Medien heizt den Hype um die Tiere immer weiter an. So werden diese Rassen ungebremst gekauft und deshalb natürlich auch weiter gezüchtet und importiert. Ein Teufelskreis - denn ihr vermeintlich niedliches Aussehen bezahlen diese Hunde mit ihrer Gesundheit. Viele von ihnen sind maßlos ins Extreme gezüchtet.

Mehr als die Hälfte aller kurzköpfigen Hunde leidet an Atemnot, die in besonderen Situationen wie etwa beim Rennen, hohen Temperaturen und außergewöhnlichen Belastungen sehr gefährlich werden kann. Da Hunde nicht über die Haut schwitzen und Wärme abgeben können, regulieren sie ihre Körpertemperatur über das Hecheln. Durch ihre verengten Nasenlöcher müssen kurzköpfige Hunde zusätzlich stärker atmen. Sie vertragen daher Hitze nicht gut, schniefen, schnarchen, haben Schlafprobleme und sind schnell außer Atem. Einige leiden außerdem an Augen- und Ohrenproblemen, Hautinfektionen durch die dicken Hautfalten und unter Geburtsproblemen.

Hunde mit Augenproblemen

An Augenproblemen leiden Hunde, bei denen besonders häufig ein Auswärtsrollen des unteren Augenlidrandes (Ektropium) vorkommt. Rassetypisch tritt dies z. B. beim Basset Hound, Bernhardiner, Cocker Spaniel, Bluthund und Shar Pei auf. Die Tiere können ihre Lider nicht richtig schließen und leiden dadurch unter Tränenfluss, Bindehaut-Entzündungen und teilweise an Hornhautveränderungen.

Nackthunde

Bekanntes Beispiel für Qualzuchten sind auch Nackthunde. Die haarlos gezüchteten Tiere haben eine Immunschwäche, Gebissfehlstellungen, frieren schnell und bekommen rasch einen Sonnenbrand. Kreuzt man Nackthunde, sind ihre Nachkommen oft nicht lebensfähig.

Faltohrkatzen

Faltohrkatzen wie Scottish Fold haben durch die Zucht infolge einer schweren Erbkrankheit nach vorne gerichtete Kippohren. Diese Erbkrankheit führt auch zu Knorpel- oder Knochenschäden an anderen Stellen des Körpers und verursacht dauerhafte Schmerzen, Leiden und Schäden. Ohren sind für Katzen enorm wichtig, um mit ihren Artgenossen Kontakt aufzunehmen. Durch die Faltohren ist diese wichtige Kommunikation mit anderen Katzen gestört.

Hybridkatzen

Ein in Deutschland relativ neuer, aus der Sicht des Tierschutzes unverantwortlicher Trend ist die Haltung von Hybridkatzen. Kater wilder Katzenarten werden dafür mit weiblichen Hauskatzen verpaart - z. B. Savannah (Servalkater mit z. B. Siam-Katze), Bengale (Bengal- oder asiatische Wildkatze mit Hauskatze) und Caracat (Karakalkater mit z. B. Maine-Coon-Katze).

Bei der Verpaarung kommt es häufig zu Verletzungen des Muttertieres durch den Nackenbiss. Dadurch dass die Nachkommen einiger Wildkatzen (z. B. Savannah, Caracat) drei bis viermal so groß sein können wie normale Katzenwelpen, kommt es in der ersten Generation fast immer zu Schwergeburten, Notkaiserschnitten oder Totgeburten. Die Muttertiere überleben diese Tortur oft ebenfalls nicht. Ein weiteres Problem für die Züchter zeigt sich bei den männlichen Nachkommen dieser Kreuzungen. Alle Kater bis zur dritten Generation sind steril. Deshalb müssen weiterhin die oftmals deutlich größeren Wildkater eingekreuzt werden. Den hohen Ansprüchen der Hybridkatzen (durch die Wildtiereigenschaften) wird die Haltung meist nicht gerecht und sie entwickeln dadurch Verhaltensstörungen.

Weiße Katzen

Betroffen sind rein weiße bzw. überwiegend weiß-gescheckte Tiere verschiedener Rassen, z. B. Perser, Türkische Angora sowie Russian White. Die Tierschutz-Probleme hängen vor allem mit der Zucht auf das W-Gen zusammen. Folge sind Schwerhörigkeit bis zur Taubheit, bei blauäugigen und Tieren mit verschiedenfarbigen Augen auch unterschiedliche Augenveränderungen (Netzhautveränderungen, Augenzittern, Schielen etc.). Weiße Katzen zeigen allgemein eine erhöhte Anfälligkeit für Hauttumore.

Quelle: Deutscher Tierschutzbund e.V.

 

Weitere Beispiele von Qualzucht-Rassen:

·       Mops

·       Französische Bulldogge

·       Englische Bulldogge

·       Deutscher Schäferhund

·       Chihuahua

·       Dackel / Teckel

·       Rhodesian Ridgeback

·       Teacup-Hunde

·       Hunde mit Merle-Faktor

·       Blue-Line: Blaue und silberne Hunde

·       Sphinx/Nacktkatzen

·       Rexkatze

·       Perserkatze

·       Angorakaninchen

·       Widderkaninchen

·       „Silkbacks“/„Leatherbacks“ (Beispiel: Bartagame)

·       Kropftaube

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