Viele Menschen wissen nicht, dass es in Deutschland überhaupt eine heimische Schildkrötenart gibt, andere verwechseln sie mit ausgesetzten Schmuckschildkröten. Diese sind jedoch nicht heimisch, sondern werden häufig von verantwortungslosen Tierbesitzern als lästig gewordenes Haustier ausgesetzt. Dabei handelt es sich meist um Gelb- oder Rotwangenschildkröten, erkennbar an den gelb gestreiften Wangen.

Das Aussetzen eines Haustieres, auch einer Schildkröte, ist übrigens kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat. Zudem bedeutet es nicht nur Leid für die ausgesetzten Tiere, da diese in harten Wintern erfrieren, sondern ist auch ein Problem für unsere heimische Natur. Schmuckschildkröten sind besonders gefräßig und vertilgen heimische Kaulquappen, Fische, Vögel und Insektenlarven, zudem verdrängen sie die heimische europäische Sumpfschildkröte.

Die Sumpfschildkröte ist leicht an ihren zahlreichen gelben Punkten zu erkennen. Auch der Panzer kann gepunktet sein. Weibchen sind deutlich größer als Männchen und haben häufig gelbe Augen, während die der Männchen eher bräunlich bis rötlich sind. Zudem hat das Männchen stark gekrümmte Vorderkrallen, um sich am Panzer der Weibchen festzuhalten.

Schildkrötenmännchen sind sehr leidenschaftliche Liebhaber, die sich ganz dem Paarungsakt hingeben. Die Weibchen hingegen wirken dabei eher gelangweilt. Damit der Sumpfschildkröterich sich überhaupt mit ihr paaren kann, muss er sie zunächst ins Wasser treiben. Dann klettert er auf ihren Rückenpanzer und sorgt mit schwingenden Kopfbewegungen und schnappen dafür, dass sie ihren Kopf in den Panzer zieht. Dadurch rutscht ihr Körper im Panzer weiter nach hinten und er kann sich paaren.

Geschlechtsreif werden Sumpfschildkröten im Durchschnitt erst mit 8-10 Jahren. In sehr heißen Regionen können sie aber schon mit 4 Jahren, in sehr kalten dagegen erst mit 18 Jahren geschlechtsreif werden. Faszinierend ist, dass die Geschlechtsentwicklung im Ei von der Temperatur abhängt. Unter Laborbedingungen schlüpfen unter 28 °C Männchen, ab 29,5 °C Weibchen. Liegen die Temperaturen dazwischen schlüpfen beide Geschlechter.

Das Überleben der europäischen Sumpfschildkröte ist nicht nur durch das zunehmende Trockenlegen von Gewässern und Sumpfgebieten gefährdet, sondern auch, weil sie zur Eiablage in der Nähe ihrer Wohngewässer frei liegende, sonnenbeschienene und trockene Sandhügel oder Trockenflächen benötigt. Diese sind in unserer künstlich geschaffenen Umgebung meist nicht mehr vorhanden. Deshalb müssen die Weibchen häufig weite Strecken laufen, um einen Ablageplatz zu finden und werden dabei meist überfahren.

Ist der trockene Boden zu hart zum Graben, hat das Weibchen in ihren Analsäcken Wasser dabei, um den Boden aufzuweichen.  Sumpfschildkröten können nicht aktiv schlucken. Auch wenn sie ihre Nahrung teilweise an Land erbeuten - sie fressen sowohl tierische wie auch pflanzliche Nahrung - müssen sie zum Schlucken ins Wasser. Mit einer ruckartigen Kopfbewegung nach vorne bei geöffneten Maul, spült das einströmende Wasser die Nahrung herunter.

Unsere europäischen Sumpfschildkröten sind im Gegensatz zu ausgesetzten Schmuckschildkröten an harte Winter angepasst. Sie halten Winterstarre am Gewässergrund, häufig in Schlamm eingegraben. Dabei wird nicht nur der Stoffwechsel weit heruntergefahren und die Nahrungsaufnahme eingestellt, sie atmen auch nicht mehr über die Lunge, sondern über ihre Kloake.

Zusätzlich zu Trockenlegungen und Straßenverkehr werden den Schildkröten auch die eingeschleppten Waschbären zum Verhängnis. Sie sind als einzige Beutegreifer in der Lage, die Panzer erwachsener Schildkröten zu knacken.

In Deutschland gilt die europäische Sumpfschildkröte als vom Aussterben bedroht, in Bayern sogar als bereits ausgestorben. Um ihr zu helfen, müssten mehr Feuchtgebiete mit Eiablageplätzen sowie schildkrötensichere Straßenüberquerungen geschaffen werden, alte Flussbegradigungen und Uferverbauungen sollten renaturiert werden.

Ebenso appellieren wir an alle Tierhalter*innen, keine Tiere in unserer Natur auszusetzen, selbst ein kleiner Fisch kann erheblichen Schaden anrichten und/oder muss selbst leiden.

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