Konnichiwa Tierheim

Japanische Delegation zu Gast im Tierheim

 

Wenn Tiere aus schlechten Haltungsbedingungen gerettet werden, entscheidet oft schnelles und koordiniertes Handeln über ihr weiteres Schicksal. Wie solche Strukturen funktionieren können und welche Rolle Tierheime dabei spielen, stand im Mittelpunkt des Besuchs einer japanischen Delegation im Tierheim München am 20. März 2026.

Zwei Vertreter des japanischen Umweltministeriums, eine NGO-Beauftragte sowie eine Dolmetscherin mit fachlichem Hintergrundwissen informierten sich bei uns vor Ort über die praktische Umsetzung des Tierschutzes in Deutschland. Anlass der Reise sind aktuelle Überlegungen in Japan, den rechtlichen Rahmen im Tierschutz weiterzuentwickeln. Bislang ist es praktisch nicht möglich, Tiere bei schlechter Haltung oder Misshandlung behördlich zu sichern. Künftig soll geprüft werden, ob und wie entsprechende Eingriffsmöglichkeiten geschaffen werden können – angepasst an die gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten des Landes.

Das Tierheim München wurde als eine Station dieser Recherche ausgewählt, um praxisnahe Einblicke zu gewinnen. Vor Ort nahmen Tierheimleiterin Dr. Eva-Maria Natzer, Lydia Schübel, Leiterin der Tierschutzinspektion, der kaufmännische Geschäftsführer des Tierheims Thomas Zeiner sowie Pressesprecherin Kristina Berchtold an dem Austausch teil.

„Wir freuen uns sehr über das große Interesse an unserer Arbeit und am deutschen Tierschutzsystem“, betonte Dr. Natzer. „Gerade der internationale Austausch zeigt, wie wichtig es ist, voneinander zu lernen und unterschiedliche Ansätze zu verstehen.“ Gemeinsam mit Lydia Schübel gestaltete sie den fachlichen Dialog und berichtete aus der täglichen Praxis sowie der Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt.

Unsere Tierschutzinspektion geht Hinweisen aus der Bevölkerung auf Missstände in der Tierhaltung nach und arbeitet dabei eng mit den zuständigen Behörden zusammen. Ein sechsköpfiges Team ist dafür jährlich mehr als 3.000-mal im Einsatz und führt über 11.000 Beratungsgespräche. Die Inspektion dokumentiert Verdachtsfälle, berät, begleitet Maßnahmen vor Ort und trägt dazu bei, Tiere aus akuten Notlagen zu sichern und zu versorgen.

„Ein funktionierendes Tierschutzsystem braucht klare rechtliche Grundlagen – aber vor allem auch Strukturen, die im Ernstfall greifen“, so Dr. Natzer. „Wenn Tiere in Not sind, muss schnell entschieden und gehandelt werden können.“

Lydia Schübel ergänzte: „In der Praxis zeigt sich, wie wichtig ein eingespieltes Zusammenspiel zwischen Behörden, Einsatzkräften und Tierschutzorganisationen ist. Wenn Tiere aus schlechten Haltungen geholt werden, tragen viele Akteure gemeinsam Verantwortung – vom Veterinäramt über Polizei und teilweise Feuerwehr bis hin zum Tierschutzverein und Tierheim.“

Wie eine solche Zusammenarbeit konkret aussehen kann, zeigt ein prominenter Münchner Fall aus dem vergangenen Jahr: Die stark abgemagerte Vizsla-Hündin „Bella“ wurde 2025 in einem lebensbedrohlichen Zustand aufgefunden. Nur durch das schnelle Eingreifen der Behörden mit Hilfe der Tierschutzinspektion und die anschließende intensive Versorgung im Tierheim konnte die Hündin gerettet und wieder aufgepäppelt werden. Fälle wie dieser verdeutlichen, wie entscheidend funktionierende Strukturen und kurze Abstimmungswege für den Schutz von Tieren sind.

Gleichzeitig betonten die Beteiligten, dass dieses Zusammenspiel nicht überall selbstverständlich ist. Insbesondere in ländlichen Regionen fehlen Tierheimen und Tierschutzvereinen häufig die personellen und strukturellen Kapazitäten, um eigene Tierschutzinspektionen zu betreiben. Entsprechend bestehen dort oft auch weniger enge Kooperationen mit den zuständigen Behörden.

Das deutsche Tierschutzgesetz, das seit 1972 gilt und seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz verankert ist, ermöglicht es Behörden, Tiere bei gravierenden Verstößen gegen das Tierwohl sicherzustellen. Tierheime übernehmen dabei eine zentrale Rolle bei der Unterbringung und Versorgung dieser Tiere.

Beim anschließenden Rundgang durch das Tierheim München in Riem erhielt die japanische Delegation einen direkten Einblick in die tägliche Arbeit. Jährlich werden hier rund 7.500 Tiere aufgenommen und versorgt, nicht wenige davon stammen aus schwierigen Verhältnissen. „Viele unserer Tiere erleben hier zum ersten Mal Sicherheit und verlässliche Zuwendung“, sagte Dr. Natzer. „Das zeigt, wie wichtig es ist, dass gesetzliche Möglichkeiten auch praktisch umgesetzt werden können.“

In der abschließenden Gesprächsrunde wurden neben strukturellen Fragen auch finanzielle und organisatorische Herausforderungen offen thematisiert. Der Tierschutz in Deutschland ist in hohem Maße auf zivilgesellschaftliches Engagement angewiesen. Der Tierschutzverein München finanziert seine Arbeit zu rund 85 Prozent aus Spenden, während der Anteil öffentlicher Mittel vergleichsweise gering ist.

„Viele unserer Leistungen liegen im öffentlichen Interesse, werden aber nur teilweise refinanziert – das stellt Tierheime langfristig vor große Herausforderungen“, erklärte Thomas Zeiner. „Gleichzeitig stoßen auch die Veterinärämter vielerorts an ihre Kapazitätsgrenzen, weshalb die Zusammenarbeit mit uns in der Praxis umso wichtiger ist“, ergänzte Lydia Schübel.

Auch strukturelle Herausforderungen wurden angesprochen, etwa die geringe Förderung im Bereich des Wildtierschutzes – der in Japan überwiegend staatlich organisiert ist – sowie die Einbindung des Veterinärwesens in Verwaltungsstrukturen, die zugleich für landwirtschaftliche und wirtschaftliche Belange zuständig sind. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen Tierschutz und wirtschaftlichen Interessen, das die Umsetzung von Maßnahmen im Einzelfall erschweren kann.

In diesem Zusammenhang betonte Pressesprecherin Kristina Berchtold, wie wichtig klare und möglichst unabhängige Zuständigkeiten für einen wirksamen Tierschutz sind, um strukturelle Interessenskonflikte zu vermeiden: „Der Austausch zeigt, wie wertvoll praktische Einblicke für politische Entscheidungen sind. Gleichzeitig macht er deutlich, dass Tierschutz immer im jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext gedacht werden muss.“

Der Besuch unterstreicht die Bedeutung des internationalen Dialogs im Tierschutz. Unterschiedliche gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen erfordern jeweils eigene Lösungen: Umso wertvoller ist der Austausch über Erfahrungen aus der Praxis. Das Tierheim München versteht sich dabei als Ort des Lernens und der Zusammenarbeit – im Interesse eines wirksamen und zukunftsfähigen Tierschutzes.

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