„Grüß Gott“ schmettert Pinky, wenn jemand den Raum betritt. Ein freundlicher Gruß, den die Rosakakadu-Dame vermutlich schon seit Jahrzehnten beherrscht. Doch als die Tierschutzinspektion des Tierschutzvereins München sie am Freitag, den 4. September in einem Seniorenheim in Grünwald abholt, wirkt er wie ein Hilferuf. Der Körper des Vogels ist bis auf Kopf und Flügel nahezu nackt, der Käfig viel zu klein und stark verschmutzt. Seit mindestens 30 Jahren lebt das hochsoziale Tier zudem ohne Artgenossen – in völliger Isolation.

Dabei hatte die Nachricht, die den Tierschutzverein erreichte, zunächst wenig dramatisch geklungen: Eine schwer demenzkranke Bewohnerin könne sich schon länger nicht mehr um ihren Papagei kümmern. Inzwischen sei die Geruchsbelästigung erheblich, das Tier müsse deshalb möglichst schnell weg.

Da die Vogelabteilung des Münchner Tierheims derzeit restlos ausgelastet ist, sollte die Tierschutzinspektion zunächst überprüfen, ob Pinky vorübergehend vor Ort bleiben könnte. Doch noch bevor die InspektorInnen nach Grünwald fuhren, ließen Fotos der Haltung die Alarmglocken schrillen: Zu sehen war ein nahezu vollständig gerupfter Kakadu in einem kleinen, verdreckten Käfig. Der Tierschutzverein schaltete umgehend das zuständige Veterinäramt München-Land ein. Vor Ort bestätigte sich der Verdacht auf massive Verstöße gegen das Tierschutzgesetz. Die Behörde stellte Pinky umgehend sicher.

Erst der Geruch wurde zum Problem

Besonders fassungslos macht die TierschützerInnen, dass offenbar nicht Pinkys kläglicher Zustand den Ausschlag dafür gab, Hilfe zu holen. Gemeldet wurde das Tier aufgrund der zunehmenden Geruchsbelästigung. Vor Ort stellte sich zudem heraus, dass Pinky kurz zuvor mitsamt ihrem Käfig vom Personal in den Garten gebracht worden war – nahezu unbefiedert und der Witterung schutzlos ausgesetzt. Erst Hausmeister des Heims erkannten die prekäre Situation, holten den verängstigten Vogel zurück ins Gebäude und äußerten deutliche Kritik.

„Was uns an diesem Fall besonders erschüttert, ist die lange Zeit, in der niemand eingeschritten ist“, erklärt Lydia Schübel, Leiterin der Tierschutzinspektion. „Ein derart desolater Zustand entsteht nicht über Nacht. Mehrere Menschen haben über lange Zeit gesehen oder zumindest sehen können, unter welchen Bedingungen dieses Tier lebt. Dass erst die Geruchsbelästigung zum Anlass wurde, etwas zu unternehmen, ist für uns unbegreiflich.“

Der Tierschutzverein sieht dabei nicht nur die Einrichtung in der Verantwortung. Auch die Betreuerin sowie die Angehörigen der schwer demenzkranken Halterin hätten dafür Sorge tragen müssen, dass Pinky angemessen versorgt wird oder rechtzeitig in geeignete Hände kommt. Gerade wenn ein Mensch aufgrund einer Erkrankung die Versorgung seines Tieres nicht mehr selbst gewährleisten kann, ist sein Umfeld gefragt.

Pinky wurde im Münchner Tierheim untergebracht. Gegen die Verantwortlichen wird aufgrund der festgestellten Tierschutzverstöße ein Verfahren eingeleitet.

 

Tierhaltung im Seniorenheim bedeutet auch Verantwortung

Grundsätzlich begrüßen wir es ausdrücklich, wenn Menschen ihre Haustiere auch beim Umzug in ein Senioren- oder Pflegeheim behalten dürfen. Tiere schenken Gesellschaft, können Einsamkeit entgegenwirken, Struktur im Alltag geben und gerade im Alter eine wichtige emotionale Stütze sein. Doch wer Tierhaltung ermöglicht, darf nicht wegsehen, wenn eine Bewohnerin oder ein Bewohner aufgrund körperlicher oder geistiger Einschränkungen nicht mehr selbst angemessen für sein Tier sorgen kann. Auch Angehörige und gesetzliche Betreuungspersonen müssen Haustiere deshalb in die Vorsorge einbeziehen und rechtzeitig eine Lösung finden, wenn deren Versorgung nicht mehr sichergestellt werden kann.

Drei Jahrzehnte Einsamkeit

Pinkys Leidensgeschichte begann allerdings nicht erst im Seniorenheim. Nach den dem Tierschutzverein vorliegenden Informationen lebt die Rosakakadu-Dame bereits seit mindestens 30 Jahren in Einzelhaltung. Papageien sind hochsoziale Vögel, die in freier Natur in Schwärmen und festen Partnerschaften leben und engen Kontakt zu Artgenossen benötigen. Ein Mensch kann diesen nicht ersetzen.

Im Münchner Tierheim zeigt sich Pinky schwer traumatisiert und von der völlig neuen Umgebung überfordert. Ihre Pflegerinnen und Pfleger geben ihr nun vor allem Zeit, Sicherheit und Ruhe. Die Hoffnung ist groß, dass ihr Gefieder nachwächst, mit der Zeit auch ihre seelischen Wunden heilen und noch viele glückliche Jahre vor ihr liegen, in denen sie endlich das Leben führen darf, das sie verdient.

Und wenn jemand ihren Raum betritt, begrüßt Pinky ihn noch immer mit den Worten, die auch den Tierschutzinspektoren bei ihrer Abholung entgegenklangen:

„Grüß Gott.“

Jetzt hoffentlich nicht mehr als Hilferuf.

 

Helfen Sie Pinky und anderen Tieren in Not

Pinkys Rettung ist erst der Anfang. Im Münchner Tierheim wird sie nun tierärztlich versorgt und intensiv betreut. Mit einer Spende helfen Sie uns, Pinky und anderen Tieren in Not die medizinische Versorgung, Pflege und Zeit zu geben, die sie für einen Neuanfang brauchen.

 

Spendenkonto:

Tierschutzverein München e.V.

Sparkasse München
IBAN: DE26 7015 0000 0113 1032 53
BIC: SSKMDEMMXXX 

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