Dass Tierleid nicht nur in Hinterhöfen oder abgelegenen Randgebieten entsteht, sondern mitten in Wohngebieten, zeigt ein aktueller Fall aus Milbertshofen wieder einmal auf erschütternde Weise. Nachdem bereits im Herbst 2025 erste Hinweise eingegangen waren, eskalierte die Situation Ende Januar 2026 endgültig: In einem Appartement wurden insgesamt 44 Katzen, darunter zahlreiche Jungtiere und trächtige Kätzinnen, entdeckt. Sie lebten bei einer mehrköpfigen Familie in einer normalen Wohnanlage, gemeinsam mit Erwachsenen und Kindern.

Erste Hinweise durch Online-Kauf eines Kittens

Ausgangspunkt war eine Meldung einer Privatperson vom 23. September 2025. Über ein Onlineportal war ein Kitten gekauft worden. Die Übergabe fand vor der Wohnungstür statt. Bereits dort fiel ein beißender Geruch nach Katzenurin auf, das Tier wirkte unterernährt und ungepflegt. Aus Mitleid wurde das Kitten dennoch übernommen.

Erste Kontrolle: 28 Katzen auf engem Raum

Nur wenige Tage später verschaffte sich die Inspektion des Tierschutzverein München e.V. erstmals Zugang zur Wohnung. Schon im Treppenhaus war der starke Uringeruch unkastrierter Kater wahrnehmbar. In der rund 95 Quadratmeter großen Wohnung lebten zu diesem Zeitpunkt 28 Katzen (Europäisch-Kurzhaar-Mischlinge), Erwachsene, Jungtiere und Kitten, nahezu vollständig auf das Wohnzimmer konzentriert. Mindestens sieben unkastrierte Kater, viel zu wenige Katzentoiletten und mehrere Würfe unterschiedlich alten Nachwuchses zeugten von unkontrollierter Vermehrung. Wegen der besorgniserregenden Zustände rief die Inspektorin direkt das Münchner Veterinäramt dazu.

Schwere Erkrankungen bei Kitten – Verdacht auf Inzucht

Besonders erschreckend: Vier junge Kätzchen zeigten deutliche neurologische Auffälligkeiten (Ataxie) und befanden sich in einem tierschutzrelevanten Zustand. Sie konnten kaum laufen, kippten um und waren offensichtlich stark beeinträchtigt. Die Kitten wurden umgehend in die LMU-Tierklinik gebracht. Trotz intensiver Bemühungen mussten sie später aufgrund der Schwere der Symptome eingeschläfert werden. Auch aus dem Vorjahr ist aus derselben Straße bereits ein Fundtier mit vergleichbarer Problematik bekannt – der Verdacht auf Inzucht liegt nahe.

Monate der Kastrationsmaßnahmen und behördlichen Auflagen

In der Folge führten Veterinäramt, LMU und der Tierschutzverein gemeinsam über mehrere Monate hinweg mit großem Einsatz Kastrationsmaßnahmen in dieser Haltung durch. Da die Familie einsichtig und kooperativ schien, wollte man ihr die Möglichkeit zur Verbesserung geben. Ziel war es, die Situation nachhaltig zu entschärfen und die Anzahl der Tiere deutlich zu reduzieren. Nach Amtsvorgabe sollten langfristig nur wenige Katzen unter Auflagen in der Wohnung verbleiben dürfen.

Januar 2026: Statt Entlastung erneute Eskalation

Am 29. Januar 2026 kam es dann im Rahmen einer polizeilichen Wohnungsdurchsuchung aus anderem Anlass zur erneuten Eskalation: Statt weniger Tiere befanden sich nun sogar noch mehr, nämlich 44 Katzen in der Wohnung – darunter wieder neugeborene Kitten sowie zwei trächtige Kätzinnen. Bei einer der tragenden Katzen wurden schwer missgebildete, nicht lebensfähige Föten festgestellt. Und wieder zeigten mehrere Jungtiere neurologische Ausfälle, erneut besteht der Verdacht auf Inzucht, da viele Katzen auffallend ähnliche Merkmale aufweisen. Eine war in einem so schlechten Zustand, dass sie direkt in die Tierklinik gebracht wurde.

Überforderung statt Vorsatz – doch die Folgen tragen die Tiere

Der allgemeine Ernährungszustand der Tiere wurde tierärztlich zwar als gut beschrieben, jedoch waren rund drei Viertel der Katzen jünger als ein Jahr – ein klares Zeichen für eine massive, ungebremste Vermehrung. Die Katzen zeigten sich überwiegend freundlich und zutraulich, was darauf hindeutet, dass sie nicht misshandelt wurden, ihre HalterInnen aber völlig überfordert waren. Möbel waren durch Urin stark beschädigt, der Gestank war extrem, und die Situation für Mensch und Tier längst nicht mehr tragbar.

„Wie viele vorangegangene Fälle zeigt auch dieser eindrücklich, wie schnell Tierhaltung außer Kontrolle geraten kann, wenn Katzen nicht kastriert und Warnungen nicht konsequent umgesetzt werden. Die Schwächsten zahlen den höchsten Preis – die Kitten.“ sagt Lydia Schübel, Leiterin der Tierschutzinspektion.

Appell an Politik und HalterInnen

Jedes Jahr stehen Tierheime vor enormen Herausforderungen durch immer neue, ungeplante Katzenfamilien. Die Versorgung ist zeit-, personal- und kostenintensiv. Der Münchner Tierschutzverein appelliert daher ein weiteres Mal an Politik und HalterInnen: Kastration, Kennzeichnung und Registrierung sind unerlässlich, um solches Leid zu verhindern und sollten bereits vor der Anschaffung einkalkuliert werden. Eine bundesweite Katzenschutzverordnung wäre ein entscheidender Schritt – doch sie lässt weiterhin auf sich warten.

Versorgung im Tierheim München – Hilfe dringend benötigt

Im Tierheim München können die Katzen nun zur Ruhe kommen, medizinisch betreut und versorgt werden. Dort sind mittlerweile neun Kitten dazugekommen, zwei davon sind leider verstorben, eines ist in einem lebensbedrohlichen Zustand, ein weiteres steckt noch im Geburtskanal fest. Sobald die 50 verbleibenden Miezen (darunter 14 Kitten) fit genug und die Adulten alle kastriert sind, dürfen sie in ein neues, verantwortungsvolles Zuhause vermittelt werden. Adoptionsinteressierte bitten wir derzeit noch um Geduld. Den ehemaligen BesitzerInnen hat das Veterinäramt München zu guter Letzt ein Haltungsverbot erteilt.

Schübel fügt hinzu: „Wir bedanken uns von Herzen bei den AmtstierärztInnen für das engagierte, beherzte Durchgreifen und bei der LMU-Tierklinik für die geleistete Vorarbeit.“

50 teilweise verwahrloste Katzen zu päppeln – medizinische Behandlung, Futter und Pflege – ist äußerst kostspielig. Wer das Tierheim München bei der Versorgung der vielen Jungtiere unterstützen möchte, kann dies durch eine Spende tun:

Sparkasse München

IBAN: DE07 7015 0000 1000 1184 46

Stichwort: Katzenglück

Alle Neuigkeiten
Wird geladen…