Ist man einmal für Tierleid sensibilisiert, kann man es im Alltag kaum noch ausblenden. Vielen TierfreundInnen erscheint es dann fast so, als zögen sie Tiernotfälle regelrecht an. Tatsächlich gehen sie einfach mit einem anderen Bewusstsein und aufmerksameren Blicken durch die Welt.
Im Urlaub in Süd- und Südosteuropa sehen viele BesucherInnen Straßenhunde oder -katzen, die krank, hungrig oder verängstigt wirken. Gerade in beliebten Reiseländern wie Griechenland, Kroatien, Portugal oder Spanien geht das Schicksal der Tiere den UrlauberInnen nahe. Nicht selten entsteht spontan der Wunsch, die arme Fellnase einfach mitzunehmen und „zu retten“. Doch genau diese Art der Hilfe führt oft zu neuen Problemen – für Mensch und Tier.
Die meisten Straßentiere sind gesundheitlich angeschlagen, Träger von Infektionen oder leiden unter sogenannten Mittelmeerkrankheiten. Andere wurden nie an das Leben in einer Wohnung gewöhnt oder haben schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Die Tiere wirken im Urlaub oft freundlich oder dankbar, doch nach der Ankunft im neuen Zuhause in Deutschland zeigen sich häufig massive Ängste, Unsicherheiten oder Verhaltensauffälligkeiten.
Hinzu kommen strenge Einreisevorschriften. Für Tiere aus dem Ausland sind Impfungen, Gesundheitsnachweise und vorgeschriebene Wartezeiten nötig. So muss eine Tollwutimpfung mindestens 21 Tage alt sein, bevor das Tier einreisen darf. Werden diese Vorgaben ignoriert, droht im schlimmsten Fall die Beschlagnahmung des neuen vierbeinigen Freundes. Anschließend müssen die Hunde oder Katzen teils Wochen oder je nach Herkunftsland sogar Monate isoliert in Quarantäne verbringen – eine enorme Belastung für die Tiere.
Ein Straßenhund ist nicht mit einem gut sozialisierten Familienhund vergleichbar. Viele Streuner haben gelernt, selbständig zu überleben, kennen keine Regeln und mussten sich auf der Straße gegen Futterkonkurrenten durchsetzen. Manche kommen mit dem engen Alltag in einer Wohnung oder mitten in der Stadt nicht zurecht. Besonders problematisch wird es, wenn Hunde ohne Vorbereitung direkt aus dem Ausland vermittelt werden, teilweise nur anhand weniger Fotos und ohne vorheriges Kennenlernen.
Die Folgen kann man in den Tierheimen besichtigen. Im Tierheim München stammen mittlerweile rund zwei Drittel der Hunde ursprünglich aus dem Ausland. Viele wurden aus Mitleid direkt aus dem Urlaub mitgebracht oder über unseriöse Vermittlungsorganisationen übernommen. Ihre neuen HalterInnen waren mit den Vierbeinern überfordert – sei es aufgrund von Angstverhalten, Aggressionen, Jagdtrieb, Ressourcenproblematik oder enormem Betreuungsaufwand und gaben sie schließlich wieder ab. Für die Hunde bedeutet das die nächste schwere Krise: erst Straßenleben, dann Transport in ein fremdes Land und schließlich der erneute Verlust ihres Zuhauses.
Besonders kritisch sehen wir sogenannte Direktvermittlungen. Dabei werden Hunde vom Transporter oder auf Parkplätzen an neue BesitzerInnen übergeben – ohne ausreichende Beratung, sichere Eingewöhnung oder realistische Einschätzung des Tieres. Immer wieder kommt es vor, dass frisch vermittelte Hunde panisch flüchten und teils monatelang umherirren oder im Straßenverkehr sterben.
Wer einem Streuner aus dem Ausland wirklich helfen möchte, sollte das deshalb niemals spontan tun. Seriöser Auslandstierschutz bedeutet Verantwortung – vor, während und nach der Vermittlung. Wichtig sind tierärztliche Untersuchungen, Impfungen, Quarantäne, eine ehrliche Einschätzung des Wesens und vor allem eine langfristige Begleitung der neuen HalterInnen.
Der nachhaltigste Tierschutz findet allerdings direkt vor Ort statt: durch die Unterstützung gewissenhafter Organisationen mit Kastrationsprogrammen und medizinischer Versorgung. Denn so sehr einzelne Rettungen berühren – das Leid der Straßentiere lässt sich langfristig nur durch verantwortungsvollen und gut organisierten Tierschutz in den Herkunftsländern verbessern.