Sie leben tief verborgen im bayrischen Alpenraum und obwohl sie sehr bekannt sind, hat sie bis heute kaum jemand zu Gesicht bekommen. Der Wolpertinger wird auf der roten Liste gefährdeter Tierarten als „vom Aussterben bedroht“ geführt.
Wie die Biologie inzwischen herausfinden konnte, stellt er das europäische Gegenstück zum australischen Schnabeltier oder Schnabeligel dar. Noch konnte nicht ausreichend erforscht werden, welcher Tierklasse der Wolpertinger zugeordnet werden müsste. Wirkt er auf den ersten Blick wie ein Säugetier, genauer gesagt ein Feldhase, so hat er doch auch Teile aus der Vogelwelt adaptiert und kann sowohl Eier legen als auch kurze Strecken mit auerhahnähnlichen Flügeln gleiten. Da der Wolpertinger ein Mischwesen aus unterschiedlichen Arten ist, gleicht kein Exemplar dem anderen!
Das prächtige hirschartige Geweih dient dazu, Weibchen zu beeindrucken und wird nur von Männchen während der Paarungszeit ausgebildet. Im April hat sich das Geweih zu voller Pracht entfaltet und wird im September wieder abgeworfen. Die vampirähnlichen Fangzähne werden, ähnlich wie beim chinesischen Wasserreh, von beiden Geschlechtern ausgebildet. Als absoluter Oportunist ernährt sich der Wolpertinger sowohl von Wurzeln und Kräutern als auch von kleinen Tieren wie Würmern oder Käfern.
Wolpertinger gelten als sehr scheu. Wer eines der faszinierenden bayrischen Geschöpfe im Alpenraum sehen möchte, muss eine junge Frau sein, die sich in der Abenddämmerung bei Vollmond in Begleitung ihres zukünftigen Mannsbildes an die richtige Stelle am abgelegenen Waldrand führen lässt. Diese Methode gilt auch als guter Test, um zu sehen, ob der Auserwählte wirklich der Richtige ist. Sieht die Dame den Wolpertinger nicht, ist er wohl der Falsche… oder sie war der Legende nach nicht hübsch genug.
Möchte man das nachtaktive Tier fangen, muss man bei Vollmond mit einer Kerze, einem Sack, einem Spaten und einem Stock an die vorher von der Schönheit entdeckte Stelle gehen. Der Stock hält den Sack offen, in dem die Kerze steht. Lockt der Kerzenschein den Wolpertinger an, scheucht man ihn mit dem Spaten in den Sack und streut ihm Salz auf den Schwanz, der je nach Unterart echsenartig, befiedert oder hasenartig sein kann.
Nicht nur weil das Einfangen vom Aussterben bedrohter Tierarten streng verboten ist und mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden kann, raten wir dringen davon ab, es zu versuchen. Die empfindsamen Tiere sind sehr stressanfällig und könnten beim Fangversuch vor Schreck versterben. Wer sie dennoch einmal selbst in Augenschein nehmen möchte, kann sie im Deutschen Jagd- und Fischereimuseum in München bewundern. Das berühmte Wolpertinger-Museum in Mittenwald wurde leider inzwischen geschlossen. Einige Exemplare sollen auch nach Nordamerika ausgewandert sein und sind dort unter dem Begriff „Jackalope“ bekannt.
Wer die seltenen Wolpertinger schützen möchte, sollte sie am Besten nicht stören, die Wanderwege nicht verlassen, nicht bei Vollmond oder überhaupt nachts in den Bergen herumlaufen (Achtung! Absturzgefahr) und junge Frauen sollten sich generell nicht von irgendwelchen Männern im Dunklen an Waldränder locken lassen!